Das Laufjahr 2022 kommt – hoffentlich auch nach Leipzig

– von Frank Gottert –

Unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie litten in den vergangenen zwei Jahren nicht nur die Läuferinnen und Läufer der Ranglistenwertung, sondern auch die Marathonläufer. Leider mussten die Leipziger Marathonveranstaltungen 2020 und 2021 abgesagt bzw. virtuell ausgetragen werden. 2022 sollen sie aber wieder stattfinden – vorausgesetzt natürlich, dass von ihnen keine Gefahr für Gesundheit und Leben der Organisatoren, der Aktiven und der Zuschauer ausgeht. Leider sieht es diesbezüglich auch am Ende des Jahres 2021 nicht so gut aus.
Grundsätzlich sind jedoch Marathonveranstaltungen auch unter Corona-Bedingungen realisierbar – der 47. Berlin Marathon vom 26.09.2021 hat es bewiesen. Die Frage ist: kann das auch ein kleinerer Veranstalter leisten? Schließlich steckte hinter dem Lauf in Berlin ein offiziell akzeptiertes Hygienekonzept und ein Riesenaufwand für dessen Umsetzung. Wenn es kleineren Veranstaltern überhaupt möglich ist, den ‚Berliner Weg‘ zu gehen, dann sind das am ehesten die, die seit Jahren mit der Organisation eines Marathonlaufs vertraut sind. Gegenwärtig wären das in Leipzig bzw. Halle die Veranstalter des Leipzig Marathon, des Mitteldeutschen Marathon und des Leipziger Wintermarathon.
Leipzig ist die Stadt mit der ältesten Marathontradition in Deutschland. Tradition ist dabei nicht schlechthin die langjährige Pflege eines beliebten Ereignisses. Sie ist auch als ‚Heimvorteil‘ oder als ‚Vermächtnis‘ zu verstehen, das in die Gegenwart hineinwirkt und vieles möglich macht, was anderswo nicht möglich ist.
Zwischen 1897 und 2019 sind in Leipzig 89 Marathonläufe veranstaltet worden. Jeder war ein Erfolg – auch wenn er oft unter schwierigen politischen oder organisatorischen Bedingungen erreicht worden war. Bis 2019 musste kein einziger der geplanten Läufe ausfallen. Und nun, 2020 und 2021, gleich sechs! Allerdings waren die gesundheitlichen Voraussetzungen für die zuverlässige Austragung der Läufe noch nie so schlecht, wie in der jetzigen Corona-Pandemie. Die Spanische Grippe von 1918 – 1920, die weltweit 20 – 50 Millionen Menschenleben kostete, ist von dieser Einschätzung ausgenommen. Sie erforderte deshalb keine Marathonabsagen, weil es in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg kaum Marathonläufe gab. Im Deutschen Marathon-Kalender 1898 bis 2005 von Karl Lennartz sind als erste Marathonläufe nach 1914 der Deutsche Marathon vom 25.07.1920 in Berlin und der Olympiamarathon vom 22.08.1920 in Antwerpen aufgeführt (1). Da hätte das Thema aufkommen können – aber hierfür gibt es keine Belege. In Leipzig spielte es ohnehin keine Rolle, weil hier von 1899 bis 1924 kein einziger Marathonwettkampf stattfand.
Eine Ursache für die langjährige erfolgreiche Marathonbilanz in Leipzig ist die Tatsache, dass es hier bereits um 1896, dem Jahr der ersten olympischen Spiele in Athen, ein aufgeschlossenes sportliches Klima gab. Hier stießen die Pläne zur Durchführung eines 40-Kilometer-Distanzlaufes – des ersten Marathonlaufs, den es in Deutschland geben sollte – schon ein Jahr später auf offene Ohren, während sie in anderen Städten noch kein Gehör fanden. Neben der Marathonbegeisterung der Menschen gab es hier auch die erforderlichen materiellen und personellen Voraussetzungen, um solche Pläne zu verwirklichen: zunächst Sportvereine, Sportplätze und Laufstrecken, später dann auch Vereinslokale, Trainer, Ärzte, Kampfrichter sowie ‚kluge Köpfe‘ und ‚Netzwerke‘, die alles miteinander verbanden und vorantrieben. Von Generation zu Generation hat Leipzig dieses Erbe als eine Art ‚Sportguthaben‘ bewahrt und ausgebaut. Es entfaltet auch heute noch seine Kraft und nährt die Hoffnung, dass das Laufjahr 2022 auch wieder ein Jahr für die Marathonläufer werden kann.

(1) Vgl. Deutscher Marathonkalender 1898 bis 2005. In: Karl Lennartz, Marathonlauf, Teil 3, Verlag Werbung UM Sport, 2007, S.1203. ISBN-Nr. 978-3-9811512-1-3.

Der Autor dieses Artikels hat auch das Buch „Marathonstadt Leipzig“ geschrieben und alle Marathonläufe, die von 1897 bis 2018 in Leipzig stattfanden, dargestellt. Zu diesen gehören: Die Läufe von 1897 (erster Lauf in Deutschland), 1925 (erste Deutsche Meisterschaft der Leichtathleten) und 1939 (Olympiaqualifikation für die geplanten Spiele 1940), die Läufe in DDR-Zeiten und die Läufe in der Gegenwart bis 2018. In Letztere sind eingeschlossen: der Leipzig Marathon, der Auenseemarathon, der Mitteldeutsche Marathon und der Leipziger Wintermarathon. Von den kleineren Läufen sind die kompletten Ergebnislisten abgedruckt – von den Massenläufen der Gegenwart die Top 20 der Männer und Frauen und die Top 6 der Mannschaften. Insgesamt werden etwa 1000 ehemalige und aktive Läufer bzw. Läuferinnen erwähnt – darunter viele von denen, die bereits seit Jahrzehnten auf den Wettkampfpisten unterwegs sind. Das Buch informiert über alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die Laufstrecken und die Laufergebnisse der Marathonwettkämpfe in Leipzig. Und über manche Eigenarten der Angehörigen dieser Zunft.

Es ist über den Buchhandel und mit einem ordentlichen Weihnachtsbonus über den Autor erhältlich.

Angaben zum Buch:

Frank Gottert (Leipzig Marathon e.V.)
Lobelienweg 79, 04288 Leipzig / frank@gottert.de
Marathonstadt Leipzig – Die Marathonläufe in Leipzig von 1897 – 2018
Leipziger Universitätsverlag
ISBN: 978-3-96023-232-2
Internet: http://d-nb.ddb.de
Preis im Buchhandel: 29.- €

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